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Jazz Drummer Tony Allen gestorben
geschrieben von: Charlotte1966, 06.05.20 09:40
Eine traurige Nachricht. Ein toller Musiker ist von uns gegangen. Hier der schöne Nachruf aus der ZEIT für ihn.


Der uns zum Tanzen brachte

Tony Allen war vielleicht der beste Schlagzeuger aller Zeiten. Ganz sicher aber war sein Spiel das lässigste. Nun ist der Miterfinder des Afrobeat gestorben.
Das Schlagzeug ist ein archaisches Instrument. Bum-bum-bum. Oder wahlweise: Tok-tok-tok. Herzschläge. Ekstatische Tänze. Schwitzende Körper. Rhythmische Zuckungen. Trance. Auf und ab, vor und zurück. Einfach das Leben. Reden stört da bloß. Wer mit Tony Allen ins Gespräch kommen wollte, der tat sich meist schwer. Gemurmelte Höflichkeiten, ziemlich häufig schlechte Laune, spürbare Ungeduld. Wenn er jedoch den Mund aufmachte, dann erklangen Sätze von so schöner Klarheit, dass man sie nicht mehr vergaß. "Wenn du ein Haus baust, baust du zuerst das Fundament", sagte der Schlagzeuger in leicht genervtem Tonfall bei einem Interview vor nicht ganz drei Jahren. "Und die Drums sind das Fundament jeder Musik. Die Drums sind die Basis."

Tony Allen war nicht bloß Schlagzeuger. Er war das personifizierte Schlagzeug. Wahrscheinlich nie zuvor und auch danach gab es jemanden, dessen Körper mit dem Sammelsurium aus Trommeln, Becken und Glöckchen eine perfektere Einheit zu bilden schien. Diesen Beat, dieses lässig aus den Hand- und Fußgelenken geschüttelte Drumming, diese mühelos und geschmeidig ineinander verschränkten Dialoge zwischen Snare Drums und Hi-Hats, dieses unglaubliche Feeling für den Puls, der alles in Bewegung hält: So etwas schüttelte der bis ins Alter hinein kernige, athletische Nigerianer aus dem Ärmel. "Üben? Das brauche ich nicht", lachte er, um sich danach an die Stirn zu tippen. "Da übe ich! Im Kopf!"

Auf jeden Fall ein Erfolgsmodell. Einen wie ihn erkannte man noch, wenn er irgendwo aus einem iPhone am anderen Ende des Münchner Marienplatzes herüberdrang. Aber wer würde Tony Allen tatsächlich nur über ein qualitativ schlechtes Handy hören wollen – und dann noch dazu leise! Wenn er in die Trommeln schlug, dann brauchte er Platz und offene Ohren. Allen fand beides.

Brian Eno nannte den in der Band des legendären Fela Kuti zu Ruhm gekommenen Langzeit-Partner einmal den besten Drummer, der je gelebt habe. Auch Flea, der Bassist der Red Hot Chili Peppers, gehört zu Allens glühenden Fans. Ebenso Damon Albarn, der ihm von 20 Jahren den Blur-Song Music Is My Radar mit den Textzeilen "Tony Allen dance me / Tony Allen gets what a boy can do / He really got me dancing" gewidmet und ihn später in sein Bandprojekt The Good, the Bad & the Queen geholt hat. Kuti selbst, der afrikanische Tradition und westlichen Funk Ende der Sechzigerjahre zu einem neuen Genre verband, bekannte: "Ohne Tony gäbe es den Afrobeat nicht."

Worin also lag Allens Geheimnis? Dafür gibt es eine Reihe von Aussagen von ihm, deren Interpretationen zum Ziel führen könnten. "Ich schlage meine Drums nicht", sagte er einmal dem Guardian, "ich streichle sie." Manchmal ging es auch um Logik. "Jeder Drummer, den ich sah, benutzte nicht all seine vier Gliedmaßen, sondern höchstens drei", erzählte er dem Musikmagazin Wire. "Aber dieses Instrument bietet die Möglichkeit, vier verschiedene Dinge gleichzeitig zu spielen. Warum tun sie es dann nicht?" Gute Frage.

Die Schlagzeuger, die er selbst zu seinen Vorbildern erkor, verfügten über diese nach außen hin einfache, aber bei Lichte betrachtet koordinativ und musikalisch höchst anspruchsvolle Gabe. So hörte der 1940 in Lagos geborene Allen in jungen Jahren viel Jazz, klaute die Tricks seiner Helden Art Blakey und Max Roach, deren raumgreifendes, schroff swingendes, polyrhythmisches Spiel, um den modernen amerikanischen Post-Bop in die ghanaisch-nigerianische Tanzmusik Highlife fließen zu lassen.

Kompliziert durfte es auf keinen Fall klingen! Diesen Ratschlag erhielt er während einer Tournee durch die USA von ausgewiesenen Spezialisten in Sachen Simplifizierung, nämlich den Mitgliedern der James Brown Band: Spiel schnörkellos, klar und voller Energie. Allen tat, wie ihm geheißen, erweiterte sein Set um Percussion wie Congas, Bongos oder die Shekere-Rassel und kreierte auf diese Weise mitreißende Tanzmusik. "Für Nigeria war das wie eine musikalische Revolution", erinnerte er sich.

Von 1965, als der Drummer in Kutis Band Koola Lobitos einstieg, dem Vorgänger des legendären Africa-70-Ensembles, bis 1979 legte er einen hypnotisch tanzbaren, hellen und leichten Groove unter den bläsersatten, gitarrenklingelnden Afrobeat des Sängers.

Erfolg mag eine von Allens Triebfedern gewesen sein, aber mitnichten die Ultima Ratio. Fela Kuti, der sich gerne als "antikolonialistischen Panafrikaner" bezeichnete, und Tony Allen einte zwar der kollektive Zorn über die permanente Willkür der Weißen. Aber irgendwann, nach 30 gemeinsamen Alben und 15 Jahren, war der Schlagzeuger die Eskapaden seines damaligen Freundes Ende der Siebzigerjahre einfach leid.

Fela Kutis Hauptquartier war von Soldaten überfallen, das Studio zerstört, der Bandleader krankenhausreif geschlagen und ins Gefängnis geworfen worden. Tony Allen, das pulsierende Herz von Kutis Gruppen, hatte einfach die Schnauze voll, auch war er der dauernden Streitigkeiten um Tantiemen müde. "Ich möchte nicht mehr über ihn sprechen", hörten Journalisten seither, wenn die unausweichliche Frage auf den egomanischen Kuti kam, der mit Frauen wie mit Musikerkollegen zuweilen so umging, als seien sie seine Leibeigenen.

Zu diesem Zeitpunkt, Ende der Siebzigerjahre, galt Tony Allen längst selbst als Inspirationsquelle für Schlagzeuger. Ginger Baker, der begnadete, trommelnde Irre aus der Rock-Supergruppe Cream, war nach Nigeria gezogen, um in Lagos ein Studio zu eröffnen und mit einheimischen Musikern zu jammen. Tony Allen stand ganz oben auf seiner Liste. Beide hatten sich schon 1971 auf einem Live-Album von Fela Kuti ein Drum-Battle geliefert. Daran erinnerte sich Allen, als er zuerst nach London und dann nach Paris zog, um für Afrojazzer wie den kürzlich verstorbenen Manu Dibango, King Sunny Adé und Randy Weston zu spielen oder für Popmusiker wie Grace Jones, Charlotte Gainsbourg und Jimi Tenor, für Acts wie Air und Groove Armada. Aber was heißt schon spielen? Mit einer kaum zu erlernenden Leichtigkeit huschte Allen über die Felle, lässig, leise, subtil und doch ungeheuer spannungsgeladen.

Es begannen die Nullerjahre, in denen Tony Allen nach seiner Sideman-Phase wieder mit eigenen Projekten ins Rampenlicht drängte. Mit einer jungen Truppe afrikanischer, karibischer und französischer Musiker gelang ihm ein furioses Comeback. Bei Festivals war die Band eine Sensation und brachte selbst das elitäre Jazzpublikum zum Tanzen. Irgendwann entstand der Kontakt zu einem Mann, den Allen schon immer bewundert hatte: Hugh Masekela. Der Jazztrompeter stammte aus Südafrika und hatte sich nicht nur als Musiker, sondern auch als unablässiger Kritiker des Apartheidregimes einen Namen gemacht. Noch im März 2020 wurde mit Rejoice ein Album veröffentlicht, das die beiden großen alten Männer endlich vereint präsentiert. Die Platte war, als sie erschien, bereits eine posthume Erinnerung an Masekela, der bereits 2018 gestorben ist; die Aufnahmen stammen von einer Studiosession aus dem Jahr 2010.

Auf Rejoice (Frohlocket!) kommt man in den Genuss, noch einmal einen Tony Allen in Bestform zu hören. Das Intermezzo der beiden Legenden ist ein Beispiel für zeitlose Neugier und Beweglichkeit, Präzision und Kommunikationsfreude, Reduktion und mächtigen Groove. Nun ist es auch das hinreißende Vermächtnis des Mannes, den sie den besten Drummer nannten, der je gelebt hat. Am 30. April ist Tony Allen im Alter von 79 Jahren in Paris gestorben.

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  Jazz Drummer Tony Allen gestorben
Charlotte1966 06.05.20 09:40 99 


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