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The Bill - realistisches, langlebiges BritCrime-Drama mit Suchtfaktor
geschrieben von: Pete Morgan, 26.05.18 17:20
Heute stelle ich euch mal eine BritCrime - Serie vor, die ich neu entdeckt habe und die einen Blick durchaus wert ist:
Anfang der 1980er Jahre startete das britische Fernsehen eine Polizeidrama-Serie, basierend auf einer einstündigen Episode in einer Anthologie-Serie, die den Alltag der Streifen- und Kripobeamten/-innen in einem fiktiven Polizeirevier im Londoner East End realistisch schildert.
Die Serie entwickelte sich zum Dauerbrenner, der bisweilen zweitägig ausgestrahlt wurde. Man begann mit 50-minütigen Episoden, reduzierte das Format aber ab der vierten Staffel auf 25-minütige Folgen, wobei es die Staffeln dann auf bisweilen über 150 (!) Episoden brachten. So bekam die Serie fast den Touch einer Daily Soap und hängte ziemlich rasch zahlreiche andere Krimiformate ab. Später wechselte man wieder auf das bekannte 50 Minuten Format und reduzierte die Episodenzahl pro Staffel, was wohl dem Leistungsdruck für die Darsteller und die Autoren geschuldet war. Erst vor wenigen Jahren beschlossen die Sendergewaltigen dann, die durchaus immer noch erfolgreiche Serie, die allerdings zuletzt etwas an Spannung verloren hatte zugunsten Schilderungen des Privatlebens der Beamten, einzustellen. Dies wurde von den Zuschauern scharf kritisiert und beanstandet, doch die Sendergewaltigen ließen sich nicht erweichen. Das Polizeirevier von Sun Hill wurde geschlossen.
Geschildert werden die bisweilen recht bizarren und auch skurillen Abenteuer von Bobbies und ihren Kolleginnen im fiktiven Polizeirevier Sun Hill im Londoner Osten. Da ist so ziemlich alles vertreten, was die menschliche Natur an Charakteren und Schicksalen hervorbringt. Doch die Beamten haben nicht nur mit Verbrechen, häuslicher Gewalt und den kleinen und großen Alltagssorgen der Bevölkerung zu kämpfen, sondern auch mit einem ständig präsenten und von Männern dominierten Hierarchiesystem innerhalb der britischen Polizei. Gerade hier werden die Missstände innerhalb des Systems deutlich und schnörkellos geschildert, und es fällt mitunter schwer, Sympathien für den einen oder anderen Vorgesetzten und Streifenbeamten zu entwickeln.
Auch wird hier ein realistisches Bild des Londoner Alltags in den 80ern und 90ern und den nachfolgenden jahren gezeigt, und ich war echt überrascht - so viel verbale und körperliche Gewaltbereitschaft hätte ich den ach so freundlichen und hilfsbereiten Engländern nie zugetraut. Da flippen Helikoptereltern bereits aus, wenn sie auch nur eine Uniform in der Nähe ihres missratenen Kindes sehen, da rasten Menschen komplett aus, nur weil ein Polizist sie was fragen will, und die Ganoven gehen bisweilen mit äußerster Brutalität vor. Frust unter der oft sozial benachteiligten Bevölkerung ist groß, weil die kriminellen Übergriffe zwar angezeigt werden, aber die Anzeigen oft ergebnislos im Sande verlaufen. Kripobeamte sind äußerst skrupellos und nutzen jeden noch so schmutzigen Trick, um ans Ziel zu kommen. Der Erfolg wird dann im Pub gefeiert. Informanten werden bis zur Schmerzgrenze "benutzt" und ausgenutzt, bis sie am Ende gar lebensgefährlich verletzt im Krankenhaus landen, dann aber werden sie uninteressant und man findet nicht mal mehr Zeit, sie zu besuchen.
Man sieht die Abgründe des Großstadtlebens, wenn in sozial benachteiligten Familien die Gewalt vorherrscht, wenn Frauen von ihren Männern misshandelt werden, aber nichts unternehmen wollen, wenn Obdachlose mitten in der Stadt in so genannten Pappkarton-Städten hausen und nach dem Willen der Kommunalpolitik zwangsgeräumt werden müssen. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, nicht nur auf Seiten der Engländer, sondern auf Seiten der Fremdnationalen selbst, ist an der Tagesordnung. Und stets kommt irgendeine bescheuerte Anweisung von "oben", dass die Beamten mehr arbeiten müssen, ohne die Überstunden bezahlt zu bekommen, dass Geld gespart werden MUSS, dass Kriminelle mit Migrations- oder fremdnationalem Hintergrund mit Samsthandschuhen anzufassen sind, weil es in der Bevölkerung brodelt und mal schlechte Presse nicht brauchen kann, dass aber gleichzeitig auch die Verbrechensrate sinken muss. Wie DCI Brownlow, Leiter des Polizeirevier Sun Hill, in einem Vortrag so treffend sagt: "Dies sind die 90er, und wir alle müssen lernen, umzudenken. Die Polizeibeamten sind für die Bevölkerung nicht mehr länger der "Freund und Helfer", der sie bis in die 80er Jahre war. Jetzt sind wir ein notwendiges Übel, dessen Anblick und Präsenz die Menschen bis zum Äußersten reizt und provoziert, das man nicht mehr respektiert, sondern das nur noch ein Werkzeug ist, bei dem man Frust ablassen kann und dessen man sich immer bedienen kann, und wehe, wenn es dann nicht funktioniert. Wir sind unterbesetzt, aber die Verbrechensrate steigt. Wir bekommen Gelder gestrichen und müssen einsparen, gleichzeitig wird aber erwartet, dass wir mit weniger Resourcen genauso effektiv arbeiten wie bisher. Auf Dauer ist das nicht möglich."
Innerhalb des Polizeireviers kommt es öfter zu personellen Wechseln und Mobbing, gleichzeitig auch zu einem Aufeinanderprallen der Kulturen und der Geschlechter. Weibliche Beamte haben es schwer, sich in einer Männerdomäne zu behaupten, und wenn sie gar eine Führungsposition besetzen, versuchen männliche Kollegen alles, um zu beweisen, dass weibliche Kollegen nicht qualifiziert genug sind, diesen Führungsposten auszufüllen.
In den Anfangsstaffeln führt sich der Chef der Kripo auf wie die Axt im Walde und behandelt jeden wie einen Leibeigenen - ein Choleriker erster Güte. Auch sein Nachfolger, DI Burnside, ist im Grunde genommen ein chauvinistisches und egoistisches, selbstherrliches Charakterschwein, aber er hat auch einige sympathische Seiten, sodass man ihm nicht alle seiner Ausfälle übel nehmen mag. Er schaffte es dann später auch in eine eigene, kurzlebige Spinoff-Miniserie.
Insgesamt geht die Sun Hill Police aber nach der Prämisse vor: "Bist du ein Polizeibeamter oder ein Sozialarbeiter? Du kannst nicht alle retten, also mach verdammt noch mal deinen Job und kümmere dich nicht um das Schicksal dieser Menschen!" Manche Beamten aber sehen das natürlich etwas anders und zeigen Empathie, wofür sie dann von ihren Vorgesetzten wieder getrreten werden.
DS Roach ist einer jener ewigen Loser, der nie auf eine Beförderung hoffen darf, weil seine Vorgesetzten ihn auf dem Kieker haben, dafür muss er aber ständig irgendwo den Kopf hinhalten und kriegt öfter man richtig Dresche. Und immer ist er kurz davor hinzuschmeißen, aber dann sagt er sich doch wieder, wer soll den menschen hier helfen, wenn nicht ich?
Synpathieträger der Serie sind der loyale und erfahrene Sergeant Bob Cryer, der selbst jenen seiner Beamten noch beisteht, die absichtlich Mist bauen. Er versucht immer eine gute Lösung zu finden.
WPC June Ackland ist von Anfang an dabei und die Sympathieträgerin schlechthin, eine sehr sympathische Polizistin, bei der menschliche Höhen und Tiefen stets nachvollziehbar sind und mit der man sich freut, lacht und weint. Für mich sind beide, Cryer und Ackland, die Personen, die diese Serie tragen.
Es gibt viele weitere Charaktere, die einem mit der Zeit ans Herz wachsen, und wenn sie irgendwann gehen, vermisst man sie schmerzlich.
Aber die Serie hat Suchtfaktor. In Deutschland leider nie gelaufen, ist diese "Lindenstraße" der BritCrime-Serien ein Knaller. Inszwischen sind zahlreiche Staffeln bei amazon England verfügbar, allerdings australische Editionen, da die Briten nach drei Staffeln aufhörten, die Serie aufzulegen. Die Australier haben offenbar vor, alle 26 oder 27 Staffeln zu veröffentlichen, und die Hälfte ist bereits auf dem Markt. Bezahlbar sind momentan allerdings nur die ersten sieben Staffeln. Wem das zu teuer ist, der darf gerne einen Blick bei Youtube riskieren, denn dort sind unzählige Episoden dieser tollen Serie verfüg- und abrufbar.
Sicherlich werden viele auch sagen, da wird ja nur gequatscht, aber wenn man sich drauf einlässt, ist die Spannung stets greifbar. Und actionreiche Episoden gibts genug. Das Zusammenspiel der Charaktere allein ist allerdings schon spannend genug. Großartige Drehbücher machen diese Serie zu einem Highlight unter den BritCrime-Produktionen. Nur noch Z-Car / Task Force Police vermag und vermochte "The Bill" zu toppen.

Der Lonewolf Pete

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  The Bill - realistisches, langlebiges BritCrime-Drama mit Suchtfaktor
Pete Morgan 26.05.18 17:20 472 


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