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Trash-TV-Overkill: Wie viele "Sommerhaus"-Klone und Insel-Kuppelshows (v)erträgt das deutsche Fernsehen noch?
geschrieben von: TV Wunschliste, 18.08.20 14:38
Es gab mal eine Zeit, da war es ein jährliches Highlight, wenn sich mehr oder wenige prominente Kandidaten im fernen Australien zwei Wochen lang von Kameras beobachten ließen. In den ersten Staffeln von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" wirkten durchaus bekannte Personen wie Costa Cordalis, Lisa Fitz, Isabel Varell, Harry Wijnvoord oder Ross Antony mit - und die Zuschauer waren gespannt darauf, wie sich diese Leute wohl von der Außenwelt abgeschieden und zusammengepfercht auf engstem Raum verhalten würden.
Sonja Zietlow und Dirk Bach moderierten die ersten Staffeln von "Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!" RTL/Ruprecht Stempell


Über viele Jahre hinweg war das RTL-Dschungelcamp ein Unikat und blieb die einzige wirklich erfolgreiche Realityshow mit Prominenten im deutschen Fernsehen. Frühe Versuche von ProSieben, mit "Die Alm" und "Die Burg" daran anzuknüpfen, waren kurzlebig. Erst 2013 startete Sat.1 als Gegenangriff im Sommer mit "Promi Big Brother" durch - in der ersten Staffel waren unter anderem David Hasselhoff, Pamela Anderson, Marijke Amado und Martin Semmelrogge dabei. Trotz eher durchwachsener Quoten und einiger handwerklicher Fehler hielt der Sender an dem Format fest, das sich in den Folgejahren nach konzeptueller Überarbeitung auch steigern konnte.

Dies schaute sich RTL ein paar Jahre tatenlos an, bis sich der Sender 2016 an einem zweiten Promi-Realityformat versuchte und "Das Sommerhaus der Stars" an den Start schickte - in der ersten Staffel noch mit vorsichtigen vier Folgen. Nach inzwischen vier Staffeln hat auch RTL einen Realityshow-Quotenhit im Sommer, der in diesem Jahr sogar auf elf Folgen ausgedehnt wird.
Ein Sommerhaus voller "Stars"? TVNOW/Stefan Gregorowius


2020 erreicht die inflationäre Entwicklung nun ihren Höhe- beziehungsweise Tiefpunkt - je nachdem, wie man dazu steht: Nachdem im Frühjahr bereits die kontroverse Sendung "Promis unter Palmen" in Sat.1 zu sehen war, legt derzeit RTL Zwei mit dem ähnlich gelagerten Format "Kampf der Realitystars" nach. Und bei RTL startet mit "Like Me - I'm Famous" die nächste Sendung, in der C- bis Z-Promis gemeinsam unter einem Dach leben. Gab es bis vor einigen Jahren lediglich das Dschungelcamp im Januar, wird 2020 fast das gesamte TV-Jahr mit derlei Sendungen zugekleistert.

Bei all diesen Formaten wird nur an kleinen Stellschrauben gedreht, ansonsten ist es stets alter Wein in neuen Schläuchen: Ein gutes Dutzend angeblich Prominenter lebt gemeinsam unter Beobachtung von Kameras auf überschaubarem Wohnraum - und soll sich zur Belustigung der Zuschauer möglichst danebenbenehmen. Die Grundidee geht stets auf "Big Brother" zurück - die Mutter aller Realityshows ging 2000 erstmals auf Sendung.
Der Cast von "Promi Big Brother" 2020 Sat.1/Marc Rehbeck


Sprach man jahrelang von Reality-TV, hielt im Zuge dieser Entwicklung der inzwischen inflationär gebrauchte Begriff des Trash-TV Einzug. Damit einher geht eine veränderte Erwartungshaltung und Bewertung der Protagonisten. Bei jenen Formaten mit Möchtegern-Z-Promis geht es den Zuschauern vorwiegend darum, sich über das haarsträubende und teilweise primitive Sozialverhalten der Teilnehmer zu amüsieren. Dabei soll es möglichst viel Stress, Konflikte und "Konfro, Konfro, Konfro" geben, damit die Twitter-Welt jubelt und die Zuschauer ihre niedersten Instinkte befriedigen können. Schadenfreude und Häme spielen die zentrale Rolle.

Früher gab es den unausgesprochenen Deal, dass die Teilnehmer des Dschungelcamps und von "Promi Big Brother" nach der Sendung wieder in der Versenkung verschwinden, aus der sie hervorgeholt wurden. Doch seit einigen Jahren werden die inzwischen allseits bekannten Protagonisten durch sämtliche Formate durchgeschleust. Es sind größtenteils die immergleichen Nasen, die von einer Realityshow zur nächsten weitergereicht werden. Willi Herren, Melanie Müller, Paul Janke, Helena Fürst, Désirée Nick, Georgina Fleur, Sarah Knappik, Micaela Schäfer, Menowin Fröhlich und so weiter und so fort. Man fragt sich, wer ernsthaft immer noch daran Interesse hat, diese Gestalten zu sehen, deren Geschichten schon längst auserzählt sind. Demnächst veranstaltet Sat.1 sogar "Die Festspiele der Reality Stars" und belebt zudem das "Promiboxen" wieder - natürlich erneut mit den altbekannten Nasen. Durch diese weiteren Plattformen zur Selbstdarstellung wird das ohnehin schon viel zu große Ego der Protagonisten noch weiter wachsen.
RTL Zwei lädt zum "Kampf der Realitystars" RTL Zwei


Neue, wirklich bekannte Namen sucht man in den Sendungen mittlerweile vergeblich. Stattdessen werden bei "Promi Big Brother" die Ex-Frau von Michael Ballack und die Tochter von Willi Herren zu "Promis" gemacht - zudem fungieren die Formate kaum noch als letzte Karrierestation abgehalfterter Stars, sondern vielmehr als Sprungbrett für unbekannte Menschen, die unbedingt bekannt werden wollen. Aufgefüllt wird der Cast solcher Formate neben den wiederkehrenden Gesichtern nämlich vermehrt mit "Nachwuchs", der parallel in diversen Insel-Kuppelshows herangezüchtet wird.

Mit "Der Bachelor" (ab 2012), "Die Bachelorette" (ab 2014), "Adam sucht Eva" (ab 2014), "Love Island" (ab 2017), "Bachelor in Paradise" (ab 2018) und "Are You The One?" (ab 2020) hat sich dieses Genre ebenfalls wie eine Pandemie verbreitet. Mittlerweile setzen sogar kostenpflichtige Streamingdienste verstärkt auf derlei Formate: TVNOW lässt im "Paradise Hotel", auf "Temptation Island", bei "Prince Charming" und bald bei "Ex on the Beach" kuppeln. Joyn sorgte mit "M.O.M - Milf oder Missy?" für Aufregung - und demnächst suchen Cora Schumacher und Claudia Obert in "Coras House of Love" bzw. "Claudias House of Love" nach ihren Traumpartnern.
Ein typischer "Love Island"-Cast RTL Zwei


Auch die mittlerweile unüberschaubare Vielzahl an Kuppelshows unterscheidet sich in puncto Personal und Konzept nur unwesentlich: Durchtrainierte 20- bis 30-Jährige, die viel wert auf Tattoos, Föhnfrisuren und Schönheits-OPs, aber umso weniger auf Tiefgang und Grammatik legen, suchen oberflächlich nach einem Partner - in Wirklichkeit sehen sie die jeweilige Plattform allerdings als Chance für ihren Einstieg ins Trash-TV-Wunderland. "Love Island"-Kandidatin Melissa Damilia ist derzeit etwa beim "Kampf der Realitystars" zu sehen und wurde vergangene Woche als neue "Bachelorette" verkündet. Für viele junge Menschen ist ein Dasein als Realitystar mittlerweile eine Traumvorstellung - prominent zu werden, ohne dafür einen richtigen Beruf ausüben zu müssen oder über ein besonderes Talent zu verfügen. Man hangelt einfach sich von einer Realityshow zur nächsten - und die übrige Zeit hält man sich als Influencer über Wasser, indem man gutgläubigen Followern bei Instagram überteuerte Produkte andreht.

Es ist schon erstaunlich, dass die Zuschauer nicht allmählich gelangweilt davon sind, dass es immer mehr Format-Klone mit dem immergleichen Personal gibt. Doch eine Sendung wie "Kampf der Realitystars" interessiert tatsächlich mehr Menschen als etwa die hochkarätig besetzte Dramaserie "Big Little Lies" mit den Hollywood-Stars Nicole Kidman, Meryl Streep und Reese Witherspoon, die von VOX wegen schlechter Quoten kurzerhand abgesetzt wurde. Im Frühjahr gingen außerdem die Comedyserien "Frau Jordan stellt gleich" und "Check Check" auf ProSieben unter, die der Sender gemeinsam mit Joyn produziert - viel mehr Leute wollten lieber sehen, wie sich zeitgleich Désirée Nick und Claudia Obert bei "Promis unter Palmen" verbal an die Gurgel gingen.
"Konfro" zwischen Désirée Nick und Claudia Obert Sat.1


Nach den ernüchternden Versuchen, mit neuen eigenproduzierten Serien zu punkten, setzen RTL, Sat.1 und ProSieben inzwischen deutlich auf noch mehr Reality als auf Fiction. Prestige-Serienprojekte werden in erster Linie für Streamingportale produziert - mit einer eventuellen linearen Zweitverwertung als "lästige" Pflichtübung. So verzichtet RTL nun sogar auf "Deutschland86", obwohl man jahrelang die linearen Erstausstrahlungsrechte besaß. Doch zu groß war offenbar die Angst, das an Fastfood-TV gewöhnte Publikum mit einer komplexen Serie zu überfordern und eine ähnliche Quoten-Enttäuschung wie mit dem Vorgänger "Deutschland83" zu erleben.

Generell ist zu beobachten, dass gelernte Schauspieler ihren Platz im Fernsehen inzwischen immer mehr Möchtegern-Promis überlassen müssen. Doch der Erfolg gibt den Sendern derzeit Recht. Und momentan scheint es noch so zu sein, dass jedes Trittbrettfahrer-Format von den Zuschauern anstandslos konsumiert wird - eine eigentlich erwartbare Reaktion à la "Ich bleibe beim Original und boykottiere die billigen Kopien" tritt nicht ein. Trash-TV-Fans sind offenbar Wiederkäuer, die derzeit alles fressen, was ihnen vorgesetzt wird. Bleibt die Frage, wie viel ungesunde TV-Nahrung noch aufgenommen werden kann, bis die Übersättigung eintritt.

18.08.2020 - Glenn Riedmeier/TV Wunschliste
Bild: TVNOW/Stefan Gregorowius


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TV Wunschliste 18.08.20 14:38 465 
  Re: Trash-TV-Overkill: Wie viele "Sommerhaus"-Klone und Insel-Kuppelshows (v)erträgt das …
pumaquibö 19.08.20 00:00 219 
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tomgilles 19.08.20 18:02 186 
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Ralfi 19.08.20 19:12 191 
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Nachteule80 19.08.20 22:26 156 
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faxe61 20.08.20 01:11 178 
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Roy Kabel 20.08.20 07:17 172 
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Romplayer 22.08.20 19:41 147 
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Mr.Silver 23.08.20 12:22 156 
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Sveta 23.08.20 19:05 127 
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Al-Bundy 23.08.20 13:15 126 


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