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Re: Liest heute noch jemand Karl May?
Ja, er hat es schwer, der klassische Abenteuerroman. Auch bei mir - das muss ich zugeben. Robinson Crusoe, Die Schatzinsel, Moby Dick, Der Seewolf, Der Lederstrumpf, Tom Sawyer und Huckleberry Finn, und wie sie alle heißen - alle hab ich sie gelesen oder es zumindest versucht. Aber schon in Jugendjahren fand ich so manche Sammlung heimischer Sagen und Legenden spannender als die Abenteuerklassiker, und wenn auch Karl Mays langatmige Landschaftsbeschreibungen bisweilen etwas ermüdeten, so waren seine Romane immer noch actiongeladener als die anderen Abenteuerklassiker.
Bald war mir das dann alles viel zu dröge, und ich verfiel auf spannendere Autoren, die allerdings dann auch ein eher erwachsenes Publikum ansprachen, wie beispielsweise Alistair MacLean oder Jack Higgins. Heute ist die Jugend für den Abenteuerroman im eigentlichen Sinne nicht mehr zu begeistern. Der Wilde Westen ist für sie utopisches Gebiet, und wenn man sich nicht auf fahrbaren Untersätzen sondern zu Pferde fortbewegt, ist es oft sowieso nix. Piratenschiffe oder Urwald - dazu gibt es keinen Bezug. Dafür ist heute Fantasy mit Magiern und Ungeheuern und bösen Zauberern und sowas angesagt, und da reitet man allenfalls auf Hyppogriffs oder Zauberbesen durch die Lüfte und nicht zu Pferde über die Prärie. Geschossen wird nicht mit Revolvern, Silberbüchsen oder Pfeil und Bogen, sondern mit Blitzen, die aus irgendwelchen Gegenständen oder Körperpartien zucken, und hinter allem und jedem sucht oder vermutet der jugendliche Leser eine philosophische Botschaft des Autors. Es ist schon sehr traurig, dass sich niemand mehr für Geschichten interessiert, die im Wilden Westen oder zur Zeit der Burgen und Ritter in Deutschland oder auf Piratenschiffen oder auf gefährlichen Dschungelexpeditionen spielen. Nicht mal Tarzan (und die Romane von E.R.Burroughs waren wirklich nicht schlecht geschrieben) würde heute keinen Jugendlichen mehr dazu verleiten, diese Geschichte als Roman lesen zu wollen oder als Film anzuschauen. Einer meiner zeitgenössischen Lieblingsautoren, der dem "Abenteuer"-Roman schon sehr nahe kommt, ist Clive Cussler (wie hier schon mehrfach erwähnt), dessen Helden maritime Abenteuer mit Tauchen, Unterwasserkämpfen und bedrohlichen Situationen unter Wasser, im Wasser und zu Lande bestehen und der nach meinem Geschmack schon mit hohem Nägelbeißfaktor schreibt. Aber den Abenteuerroman, wie wir ihn als Kinder kennen und lieben gelernt haben, gibt es nicht mehr und wird es in dieser Form wohl genauso wenig mehr geben wie zum Beispiel die legendären und verdammt spannenden Rittercomics eines Hanns-Rudi Wäscher... Selbst wenn heute jemand käme und die Geschichte der Wäscher-Comics, ähnlich wie bei den Eisenherz-Comics von Hal Foster, als ebenso spannenden Roman umschreiben würde, behaupte ich dass dies bei der Jugend keinerlei Interesse mehr hervorrufen würde... Dabei bieten gerade Abenteuer-Settings wie Mittelalter, Dschungel, die Ozeane, exotische Länder und der Wilde Westen unglaubliches Potenzial für spannende Geschichten. Aber wer will sich davon heute noch verzaubern lassen? Der Lonewolf Pete In diesem Forum dürfen leider nur registrierte Teilnehmer schreiben.
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