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TV-Erinnerungen an gute, alte Fernsehzeiten
Re: DVD-Veröffentlichung von Hans im Glück aus Herne 2
geschrieben von: dvogel, 22.09.09 00:48
Nachdem ich kürzlich die Veröffentlichung ankündigte, möchte ich jetzt meine Eindrücke des Wiederentdeckens beschreiben.
Besser gesagt, ich muß sie geradezu mitteilen, denn ich habe die mir die Serie und das umfangreiche Bonusmaterial der DVD-Box angeschaut und bin nachhaltig beeindruckt.
Und je mehr ich über die Serie, die Geschichte, den eigenwilligen Stil und ihrer Bedeutung für die Kultur des Fernsehens nachdenke, desto mehr muß ich mich zügeln, damit das Folgende lesbar bleibt und nicht in eine 40-50 seitige Hommage ausartet. Ich werde mir Mühe geben, nicht allzu sehr abzuschweifen, auch wenn es mir an einigen Punkten notwendig erscheint.
Herne zwei bekommt von mir auf einer Skala von 1-10 eine gute acht. Und ich bin mir sicher, das einige andere vielleicht eine eins oder zwei geben würden.
Um diese Diskrepanz zu erläutern, muß man einige Worte über den Inhalt und den Erzählstil dieser Produktion verlieren und ich werde dabei auch Gedanken aus den Kommentaren im Bonusmaterial aufgreifen.
Worum geht es?
Hans und seine Clique wohnen Anfang der 80er in Wanne Eickel. Die Gegend in der sie wohnen wird von sozial Schwachen bevölkert. Es ist ein Abbild einer typischen Arbeitersiedlung des Ruhrgebietes in den ausgehenden 70ern und anfangenden 80er Jahren.
Es ist die Zeit der No-Future-Generation, es vollzieht sich ein Wandel in der Wohlstandsgesellschaft, erstmalig wird die Zwei-Millionen-Arbeitslosengrenze durchbrochen und eine Schockwelle nach der anderen erschüttert die Gesellschaft. Hauptleidtragende dieser Entwicklung waren die Älteren, die Alleinerziehenden, die Minderqualifizierten und eben die Jugendlichen.
Vor dem Hintergrund ist die Handlung der Serie zu verstehen. Hans sucht eine Ausbildungsstelle und muß Absagen verkraften. Ein bedenkliches Zuhause, die Tristesse des Alltages, die Arbeitslosigkeit, der lokale Treffpunkt seiner Clique an der hiesigen Trinkhalle, die Bestrebungen zur Selbstverwirklichung und die gelegentlichen Ausbruchsversuche aus dem Milieu bestimmen den Tagesablauf.
Seine heimliche Liebe zu Ines wird anfänglich nicht erwidert und Hans und seine Kumpels schütten sich ein Bier nach dem anderen hinter die Binde und werden immer gleichgültiger.

Der Erzählstil
Der Regisseur Roland Gall hat mit dieser Produktion etwas geschaffen, das seinesgleichen sucht. Für die handlungstragenden Jugendlichen wurden Laien engagiert, die sich zum größten Teil aus einer Herner Kunstschule rekrutierten und allesamt arbeitslos waren. Selbst der Hauptdarsteller Peter Danneberg war ein Laie aus Dortmund. Roland Gall versprach sich so mehr Authentizität. Das Drehbuch lieferte keine vorgefertigten Dialoge, sondern eher eine Erzählrichtung, der die Geschichte folgen sollte. Die Schauspieler agierten aus eigenem Antrieb und die Dialoge entstanden spontan.
Das mag für Zuschauer, die eine zielgerichtete Handlung mit den heutigen üblichen schnellen Schnitten erwarten, hölzern und langatmig wirken. Aber wenn man sich auf den Erzählrhythmus einlässt, wird man feststellen, dass dieser Rhythmus sich entgegen unserer Sehgewohnheit und Erwartungshaltung richtet und dass die Jugendlichen sich eigentlich selbst spielen und trotzdem der vorgegebenen Struktur folgen.
Diese Technik mag für diejenigen, die ein Popkornkino erwarten, zu einer negativen Beurteilung führen.
Mich hat sie fasziniert und über einige inhaltliche Löcher oder Versäumnisse, den Erzählstrang dichter fortzuführen, großzügig hinwegsehen lassen , da hier sehr authentisch und nicht nostalgisch verklärt, die Auswirkungen von Jugend-arbeitslosigkeit bei Kindern des Proletariats gezeigt wurden.
Diese Authentizität führte seinerzeit bei dieser siebenteiligen Serie, die einmal vom ZDF zur besten Sendezeit ausgestrahlt wurde und danach im Giftschrank verschwand, zu unglaublichen Reaktionen. Es gab sehr viel Lob und wütenden Protest, vor allen Dingen von den Menschen aus Wanne Eickel, die ihre Heimat und ihren Alltag nicht so düster dargestellt sehen wollten.
Sicherlich sind die in der Serie gezeigten Lebensbedingungen nicht typisch für jeden Bewohner des Ruhrgebietes gewesen. Aber sie waren auch alles andere als Randerscheinungen einer Gesellschaft, wie es sie in den ausgehenden 70ern und beginnenden 80ern gab.
Und das sind einige Aspekte, die diese Produktion so wertvoll machen. Die Probleme von damals haben sich ja bis in unsere Gegenwart nicht grundsätzlich verbessert – ganz im Gegenteil. Der Unterschied mag sein, dass die Jugendlichen und Menschen heutzutage nicht mehr ein so öffentliches Leben wie das in dem Film gezeigten führen, sondern es sich eher zurückgezogen in den eigenen vier Wänden abspielt.

Diese Geschichte ist auf die Bewohner des Ruhrgebietes mit ihrer Sprache, ihrem Umfeld und ihren besonderen Problemen zugeschnitten. Darin mag man einen besonderen und zu wenig gewürdigten Beitrag zur Diskussion über die Kulturmetropole sehen. Aber letztendlich ist es ein Beitrag, der durch die Laiendarstellung und der Spontanität daraus eine Geschichte vom Volk für das Volk macht. Und das ist wahrlich ein großer kultureller Beitrag (im Gegensatz zu „Kult“), der auch außerhalb der Grenzen des Ruhrgebietes seinen Bestand hat, da sich das universelle Problem der Jugendarbeitslosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und der Tristesse auch auf andere Metropolen übertragen lässt.
Holger Bals, der federführend an dem Projekt der Veröffentlichung dieser ganz besonderen Serie beteiligt war, ist mit seiner im Bonusmaterial vorhanden Dokumentation „30 Jahre danach“ ein Brückenschlag gelungen. Ganz besonders eindringlich sind die aufgezeigten Schicksale der meisten Laien, die an der Dokumentation teilnahmen. Und die im Grunde genommen ihre Lebensbedingungen nicht verbessern konnten.

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  DVD-Veröffentlichung von Hans im Glück aus Herne 2
dvogel 16.07.09 20:06 536 
  Re: DVD-Veröffentlichung von Hans im Glück aus Herne 2
Tommy*Tulpe 17.07.09 18:03 180 
  Re: DVD-Veröffentlichung von Hans im Glück aus Herne 2
dvogel 13.09.09 17:00 148 
  Re: DVD-Veröffentlichung von Hans im Glück aus Herne 2
dvogel 22.09.09 00:48 216 


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